UX Camp Vienna mit Content im Blick

Heute war einen Tag User Experience am FH Technikum Wien angesagt. Ich war zum ersten Mal am UX Camp Vienna und wohl eine Exotin mit meiner „Content-Perspektive“. Dafür waren meine Learnings umso vielseitiger. Und außerdem: In der Community gibt es Bewusstsein für die Bedeutung von Inhalten im Entwicklungs- und Designprozess, wie ich erfreut feststellen konnte. Eine Rückschau aus Content-Sicht.

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Session „Keine Angst vor Content!“

Gleich eine der ersten Sessions drehte sich um Inhalte – für mich besonders relevant. In seiner „Selbsthilfegruppe für Einsteiger“ ging Oliver Schöndorfer der Frage nach, wie die Produktion von Content sinnvoll in den Entwicklungs- und Designprozess einbezogen werden kann und warum das nötig ist.

„Wir liefern als Designer nachhaltige Arbeit, wenn wir die Erstellung des Inhaltes in den Entwicklungsprozess integrieren.“

Für ihn haben Inhalte im Web eine „andere, tiefere Bedeutung“ bekommen – vor allem, seit wir hauptsächlich mobile Devices nutzen.

Responsive Web Design: Was bleibt noch zu gestalten?

Am Schluss geht es um den Text. Er macht den Großteil der Inhalte im Netz aus, sagt Schöndorfer. Die Nutzer wollen ihn am Smartphone gut lesen können, dafür muss er das Display ausfüllen. Auch Designer sollten sich also mit den Inhalten beschäftigen. Mit seiner Hierarchisierung und Typographie genauso wie mit der Frage: Was kommuniziert der Content?

„Ab dem Zeitpunkt, wo es um den Inhalt geht, wird die Seite mittelmäßig.“

Web Designer hätten nicht nur die Aufgabe, eine Seite „schön“ zu machen. Sie produzieren kein „Gefäß“, in das anschließend die Inhalte gefüllt werden, sondern sind im Endeffekt „Template Designer“, wie Schöndorfer es nennt.

„Schlechter Inhalt kann nicht durch gutes Design gerettet werden.“

Oliver Schöndorfer in seiner Session "Keine Angst vor Content"

Oliver Schöndorfer in seiner Session „Keine Angst vor Content“

3 Content-Ausreden

Besonders gefallen haben mir die 3 Ausreden, warum sich Designer lieber nicht mit den Inhalten beschäftigen:

    • Content ist mühsam.
    • Content ist nicht meine Aufgabe.
    • Der Content ist schlecht.
  • Das trifft es nach meiner Erfahrung genau. (Und gilt nebenbei bemerkt nicht nur für Designer.)

    „Atomic Content“

    Ein beispielhaftes Vorgehen für die Integration von Inhalten in den Designprozess ist die Identifizierung vom „Atomic Piece of Content“ nach Steve Fisher. Um diesen „Atomic Content“ zu finden, schlägt Fisher Workshops mit Kunden vor. Dort werden klassische Content-Strategy-Methoden angewandt:

    1. Content Audit & Analysis: Welche Inhalte gibt es bereits?
    2. UX-Vision & Projektziele definieren: Alle weiteren Aktivitäten unterstützen diese Vision und Ziele.
    3. Content-Modelling & Priorisierung: Die Inhalte werden nach ihrer Wichtigkeit sortiert.

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    Die drei Musketiere: Design, UX & Content

    Ich freue mich besonders darüber, dass auch in der UX-Community offensichtlich ein Bewusstsein für die Bedeutung von Inhalten vorhanden ist. Dass Content nicht mehr ausgeklammert und ignoriert wird, ist ein wichtiges Zeichen. Für mich folgt daraus: Wir müssen daran arbeiten, die Disziplinen künftig noch näher zusammenzubringen. Wir müssen gemeinsam darüber nachdenken, wie Arbeitsprozesse sinnvoll aufeinander abgestimmt werden und sich ergänzen können. Und wir müssen lernen, unterschiedliche Perspektiven einzunehmen, um tatsächlich die Vorzüge dieser Interdisziplinarität nutzen zu können. Einer für alle, alle für einen!

    Session „Lean & Agile ♥ UX"

    Lukas Fittl sprach über agile UX-Prozesse und Lean-Methoden. Eine sehr interessante und dichte Session. Er kam dabei auch auf das fantastische Buch „The Lean Startup“ von Eric Ries zu sprechen. Demgemäß sollen Startups nicht große Ressourcen in die abschließende Entwicklung von Produkten oder Dienstleistungen investieren, die dann eventuell am Markt floppen. Stattdessen schlägt Ries die Methode des „Validated Learning“ vor: Schnelle, zyklische Entwicklungsprozesse kombiniert mit empirischen Testverfahren erlauben es, Fehler und Marktuntauglichkeit früh zu erkennen und gegenzusteuern. Auch in Hinblick auf Content Strategy ein interessanter Ansatz.

    Mit Konzepten wie „Crossfunctional Teams“ und „Distributed Product Ownership“ führte Fittl Lösungsansätze an, wie UX-Teams in agile Entwicklungsprozesse miteinbezogen werden können. Als gute Quellen zum Thema nannte er balancedteam.org und die Konferenz LeanUX NYC.

    Das Wunschteam von Lukas Fittl in Startups

    Das Wunschteam von Lukas Fittl in Startups

    Meine Session: „Iterative Inhaltsentwicklung & Testen von Content Concepts“

    Die Lean-Methode passt inhaltlich auch gut zu meiner Session. Ich habe über unser Content-Strategy-Projekt an der FH JOANNEUM erzählt, über unsere Key Findings der Audit- und Analysephase. Momentan sind wir dabei, zwei Prototypen für Studiumsseiten zu entwickeln. Dabei gehen wir von den Inhalten aus und testen sie in drei unterschiedlichen „Entwicklungsstadien“ – nach einer Methode zum Testen von Content Concepts von Colleen Jones. Nach jeder Testphase werden die Inhalte adaptiert.

    Schritt 1: Nur der Text wird getestet

    In einem ersten Schritt testen wir drei unterschiedliche Textversionen – ganz unabhängig von Informationsarchitektur, Navigation und Design. Ziel ist es, herauszufinden, welche Version für die Nutzer am verständlichsten und ansprechendsten ist. Dafür habe ich drei Methoden gewählt:

    • Lesbarkeit: Messung des Schwierigkeitsgrades des Textes mittel Readability Formulas (Flesch-Grad).
    • Verständlichkeit: Messung der Verständlichkeit des Textes mittels Cloze-Tests (Lückentests).
    • Ergänzend qualitative Interviews zur Evaluierung von Engagement und Ansprache.

    Schritte 2 + 3: Der Text wird in Wireframes und im fertigen Design getestet

    Der Content soll auch in den Wireframes und abschließend im fertigen Layout getestet werden. Dazu eignen sich Thinking-Aloud-Tests gut, wie mir die Teilnehmer bestätigten. Allerdings kam die Anregung aus dem Publikum, dass der zweite Testschritt (Content in Wireframes) eventuell gar nicht nötig ist und man den Content auch gleich im fertigen Design testen könne. Ein interessanter Hinweis – ich werde das bedenken.

    Meine Präsentation ist mir vor so vielen guten Designern etwas peinlich, ups! Zu meiner Verteidigung: Bei spontanen Sessions muss es schnell gehen.

    Und für alle, die mich danach gefragt haben: Meine Präsentation „Content Strategy 101“ auf Slideshare.

    Fazit UX Camp Vienna

    Ein sehr interessanter Tag, mit vielen netten Leuten, spannenden Sessions und die Orga hat auch alles richtig gemacht. Danke an die Veranstalter und bis bald!

    Twitter-Hashtag: #uxcvie

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    2 Gedanken zu „UX Camp Vienna mit Content im Blick

    1. Pingback: Lesedepot: Die Tipps der Woche (weekly) | Das Textdepot

    2. Pingback: Premiere: Der erste UX Day Graz | b.a.r blog

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