Premiere: Der erste UX Day Graz

Auch in Graz feiern wir den World Usability Day! Vergangenen Samstag zum ersten Mal ganz offiziell – mit dem ersten UX Day Graz an der TU. Die Veranstaltung gibt es künftig jedes Jahr. Sie dient als Diskussionsforum, Präsentationsplattform und Networking-Space für die heimische Community. Eine super Initiative, organisiert von Keith Andrews (TU) und Konrad Baumann (FH Joanneum). Hier mein schneller inhaltlicher Abriss.

Keynote von Johanna Kollmann zu Agile & UX

Die Integration von UX Designern in agile Prozesse ist ein aktuelles und vordringliches Thema – augenscheinlich: Lukas Fittl sprach am UX Camp Vienna eine Woche zuvor über seine Sicht der Dinge. Am UX Day Graz gab Johanna Kollmann in ihrer Keynote „Collaboration. Customers. Conflict? Bridging the Gap between Agile & UX“ einen Überblick über den State of the Art und erzählte aus ihrer persönlichen Erfahrung als Designerin.

„Agile is becoming standard“

Die FH-Joanneum-Absolventin arbeitet bei Sidekicks Studios in London und sieht agile Entwicklung als einen „really well adopted approach“, der auch für Designer immer mehr an Bedeutung gewinnt. Sie verwies in ihrem Talk u.a. auf das Agile Manifesto, Eric Ries‘ „The Lean Startup“ und bot konkrete Lösungsvorschläge an, wie Designer in agile Prozesse integriert werden können.

Modell agiler Entwicklungsprozess; Quelle: Keynote Johanna Kollmann

Modell agiler Entwicklungsprozess;
Quelle: Keynote Johanna Kollmann

Interessant war vor allem ihre Problemanalyse: Weil agile Entwicklung rein auf den Outcome fokussiert sei, bliebe für Designer kaum Zeit, sich Strategien zu überlegen oder konkrete Analysen und Research durchzuführen – das wäre immer der erste Teil, der bei Ressourcenknappheit gestrichen würde.

„There is such a focus on delivery as outcome of the sprints. This results in only acting tactical. (…) But features doesn’t mean you get a good product in the end.“

Johanna Kollmann

Johanna Kollmann

„Make research a habit“

Kollmann motivierte Designer, ihren Platz im Team einzufordern, sich als Teil desselben zu betrachten und sich den Weg dorthin selbst zu ebnen. Damit einher geht auch der Zugang des Teams zu Research, die fix in den Workflow integriert werden müsse.


Keynote von Rolf Molich zu Usability Testing

In seiner Keynote am Nachmittag plädierte Rolf Molich von DialogDesign in Dänemark für einen professionellen Zugang zum Usability Testing. Dieser zeige sich u.a. in der Wahl der Methoden und ihrer Zusammensetzung, aber auch in ihrer Qualität. Nach meiner Erfahrung gibt es hier definitiv Aufholbedarf, denn nicht „jede/r“ kann Usability Tests so durchführen, dass die Ergebnisse fundiert sind und Relevanz haben. Wie bei jeder empirischen Erhebung braucht es umfassende Methodenkompetenz und entsprechendes Hintergrundwissen.

„Usability professionals must be highly usable“

Das erste Dogma in Molich’s Präsentation und für mich hochrelevant. Usability-Fachleute bewerten die Usability von Produkten. Ihre eigenen Produkte (z.B. Ergebnispräsentationen) sind aber häufig alles andere als verständlich, brauchbar und sinnvoll. Eine intelligente Beobachtung, die dazu führen muss, über die eigene Arbeit, ihre Ausführung und Qualität nachzudenken.

„Sweep before your own door before you sweep the doorsteps of your neighbours.“

„Myths about Usability Testing“

Auch das Publikum wurde einbezogen: Molich präsentierte fünf Aussagen zu Usability Testing (siehe seine Präsentation) und ließ die Teilnehmer mittels bunten Zetteln abstimmen, ob sie übereinstimmten oder nicht. Cooles und lustiges Experiment mit Lerneffekt. Besonders interessant fand ich den Schluss zum Statement „The main goal of a usability test is to find usability problems“. Lösung: Richtig – aber die Tests haben auch die Aufgabe, skeptische Stakeholder davon zu überzeugen, dass bestimmte Probleme existieren und gelöst werden können.

Diese Präsentation von Rolf Molich ähnelt inhaltlicher jener vom UX Day Graz 2013.


Panel Discussion, Responsive Design & Projektvorstellungen

Neben den Keynotes war die von Keith Andrews moderierte Panel Discussion mit Rolf Molich, Johanna Kollmann, Konrad Baumann und Max Scheugl hörenswert. Es wurde über zukünftige Herausforderungen im UX Design gesprochen. Auf’s Tapet kamen viele unterschiedliche Aspekte, u.a. die Breite der Disziplin, ihr Verhältnis zu anderen Fachbereichen (IxD, IA, HCI, UCD, Content Strategy, usw.) und mögliche Trends. Als zukünftige Notwendigkeiten wurden qualitätsvolle Ausbildungen, Kompetenzdefinitionen eines UX Designers und „established standards for the discipline“ (Rolf Molich) identifiziert.

Panel Discussion am UX Day Graz

Panel Discussion am UX Day Graz

Außerdem hat Organisator Keith Andrews am Nachmittag einen Vortrag über Responsive Design gehalten. Und in 2-minütigen Kurzpräsentationen wurden von Teilnehmenden aktuelle UX-Projekte vorgestellt – da waren wirklich coole Sachen dabei.

Initiative für die österreichische UX Community

Um die österreichische Szene zusammenzubringen und zu stärken erzählte Sandra Murth von ihrem Plan, eine der German UPA ähnliche Initiative auch in Österreich zu starten. Thumbs up!

Termin und Ort für den nächsten UX Day Graz stehen auch bereits: 15.11.2014 an der FH Joanneum.

Twitter-Hashtag der Veranstaltung: #uxday

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Designer ♥ Content

Kurzmitteilung

Nachtrag zum UX Camp Vienna vergangenen Samstag: Oliver Schöndorfer hat mittlerweile seine Session mit dem klingenden Titel „Keine Angst vor Content“ auf seinem Blog zusammengefasst.

Unbedingt lesen, denn sein Zugang ist eine Beschreibung des Zielzustands, zu dem wir Content-Strategen in der Zusammenarbeit mit Designern gelangen wollen!

Quelle: Oliver Schöndorfer

Quelle: Oliver Schöndorfer

Rückblick #IAK12: Drei zukunftsweisende Themen für Content Strategy und IA

Für das Web Literacy Lab waren meine großartige Kollegin Karin Raffer und ich auf der 6. IA-Konferenz in Essen, die heuer unter dem Generalthema Content-Strategie stattfand. ES WAR TOLL! Hier ein Report der wichtigsten Themen, spannende Aussagen prominenter Speaker und ein Lob für die Freunde der Informationsarchitektur.

Content is King! Am 11. Mai um 9 Uhr bekamen wir im Foyer des red dot museum der Zeche Zollverein einen Button mit der zentralen Content-Strategie-Message geschenkt. Und kurz darauf startete auch schon die IAK12. Die Location war beeindruckend, die Atmosphäre erwartungsgemäß locker und entspannt und die Nerd-Brillen-Dichte hoch – sehr sympathisch!

Große Namen, hohes Niveau

Das Programm beeindruckte mit prominenten Namen: Colleen Jones, Irene Walker, Margot Bloomstein, Jonathan Kahn und natürlich Peter Morville gaben den Gästen die Ehre und beeindruckten durch Vorträge, die vor allem durch hohe Qualität glänzten. Struktur, Kernbotschaft, Cases, Verständlichkeit – alles da, was teilweise bei deutschsprachigen Vorträgen fehlte. Ganz klar, die englischsprachigen Speaker (Konferenzveteranen!) haben ein anderes Level als unsereins.

Context is everything

Die IAK12 hat mir vor allem eines gebracht: Kontext. Ich kann die Disziplinen Content-Strategie, UX Design, IA usw. verorten, sehe sie im Spannungsfeld zwischen verschiedenen Units in Organisationen angesiedelt, verstehe, wie sie zusammenarbeiten (oder das zumindest tun sollten).

Es gab zwei parallele Tracks und nachdem ich nicht in der Lage bin, mich zweizuteilen oder zu klonen, konnte ich nicht alle Vorträge hören – leider. Meinen Report der Konferenz gliedere ich in drei Themen, die immer wieder konkret oder zwischen den Zeilen auftauchten: (1) Multi-Device-Access, (2) Veränderungen in Organisationen und (3) Storytelling, Messaging und Social Media. Let’s get it started!

THEMA 1: KONSISTENTER CONTENT AUF ALLEN DEVICES

Wir setzen uns nicht mehr zu Hause vor unseren Stand-PC, sondern gehen über die unterschiedlichsten Devices ins Netz. Facebook und Twitter lassen sich bequem auch über das Smartphone in U-Bahn oder Straßenbahn nutzen, die Zeitung unserer Wahl und Videos schauen wir uns auf dem iPad an. Daraus ergibt sich laut Colleen Jones (@leenjones auf Twitter) ein „complex digital universe“, das in die Überlegungen zu Webcontent in Zukunft noch stärker miteinbezogen werden müsse. Nicht nur reagieren, sondern agieren lautet ihre Devise.

„Social and mobile have become on the scene and are going to stay. (…) The digital universe is hungry for content.“

Multiscreen Experience

Dieses Thema behandelte auch Wolfram Nagel (@wolframnagel auf Twitter) von der digiparden GmbH in seinem Vortrag „Multiscreen Experience“: Medien- und plattformübergreifendes Informationsmanagement mache es möglich, Inhalte auf allen Endgeräten anzubieten. Nötig ist das deshalb, weil sich (u.a. durch Social Media) das Nutzerverhalten ändere (z.B. werden zwei Geräte parallel genutzt = Multiscreen Scenario) und die User einen fragmentierten Tagesablauf hätten. Bei der Entwicklung einer Strategie wären so drei Dinge zu beachten: die unterschiedlichen Devices, die User und der Kontext, in welchem die User die Devices verwenden.

Um eine konsistente Multiscreen Experience garantieren zu können, müssen laut Nagel die Bedürfnisse, Wünsche und Erwartungen der Nutzer erforscht und z.B. in Form von User Personas abgebildet werden.

„Der User muss einen Mehrwert über alle Devices haben. Es darf für ihn keinen Unterschied machen, über welches Gerät er Informationen abruft. Es muss eine fließende Multiscreen Experience angeboten werden.“

Liquid Content

Das alles hat natürlich auch Auswirkungen auf den Content: Nagel plädiert wie die Content-Strategin Ann Rockley (@arockley auf Twitter) für flexible Inhalte, die von der Formatierung abgetrennt sind. Voraussetzung für solchen „liquid content“, der sich an verschiedene Devices und den Kontext anpassen lässt, seien einfache, granulare Daten. Abhängig von den vorhandenen Inhalten (Texte, Bilder, User-Generated-Content usw.) werde erst in einem weiteren Schritt das Design entwickelt. Weitere Infos zu Wolfram Nagels Projekt auf multiscreen-experience.com.

Cross-Channel Strategy

Auch Peter Morville (@morville auf Twitter), „Vater der Informationsarchitektur“, betonte in der Closing Keynote, dass Organisationen künftig verstärkt über Cross-Channel-Strategien nachdenken müssten: „Information architecture is going beyond the website.“ Nur wenn Organisationen in unterschiedlichen Kanälen präsent seien und diese Kanäle angemessen nutzten, könnten sie der Herausforderung begegnen, dass die User Ressourcen auf neuen Wegen im Web teilen.

„In a time where there’s so much technology driven change we need to redifine what to do. (…) There’s a huge need for structuring and organizing information to make it findable.“

Anhand von zwei großen Cases, der Library of Congress und dem Unternehmen Kresge, erklärte er, dass „information architects create environments for understanding.“ Schlusspunkt des inspirierenden Vortrags war eine Aufforderung an alle Anwesenden: „We need to change how our organizations are structured.“ Und schon sind wir beim nächsten Schwerpunkt.

THEMA 2: CHANGE IN ORGANIZATIONS

Mein persönliches Highlight auf der IAK12: Jonathan Kahn (@lucidplot auf Twitter) von der Londoner Agentur together. In seinem Obama-mäßig inspirierenden und mit tollen Zitaten (u.a. von Seth Godin, Clay Shirky und Peter Drucker) unterlegten Vortrag sprach er über die Notwendigkeit der Veränderung von Organisationen aufgrund neuer Voraussetzungen – vor allem durch das Web.

„Organizations are structured and organized like factories.“

Organisationen sind hierarchisch aufgebaut, Menschen können schnell ausgetauscht werden. Weil Informationen lediglich von einer Hierarchieebene zur anderen fließen, können die Organisationen nicht langfristig lernen. Interne Feedbackprozesse werden verhindert, es kann lediglich auf das Feedback der Umwelt vertraut werden.

Projekte – auch betreffend Webcontent – sind laut Kahn durch drei Faktoren geprägt: Zwischen den einzelnen Abteilungen findet keine Zusammenarbeit statt („Silos“), jegliche Veränderungen werden sofort abgeblockt und das Denken ist stark organisationszentriert. Kahn fordert

„a revolution, a systemic change from product to service, from consumer to customer, from mass communication to social media and from the industrial to the knowledge society“.

„They all design for humans“

Diese Fragen betreffen alle Disziplinen, die mit taktischen, strategischen Fragen beschäftigt sind – von Content-Strategie über User Experience Design bis Informationsarchitektur. In allen diesen Disziplinen stehen Menschen im Mittelpunkt und sie alle haben dieselben Probleme. Kahn setzt sich für Wissensaustausch zwischen den Disziplinen und Abteilungen ein und rät:

„Work in multidisciplinary ways. And don’t forget: always remember the revolution!“

Web Governance in Organizations

In der Opening Keynote forderte auch Colleen Jones Governance in Organisationen – ein Teil ihrer NUDGE-Technik – um den eigenen Content sinnvoll verwalten zu können:

„You need to be ready to govern. Governance is the secret behind the scenes (…) Organizations have problems with getting the right resources to get content done.“

Indem Rollen, Verantwortlichkeiten und Guidelines definiert würden, verschaffe sich der Content-Stratege einen Überblick, könne sich Ziele setzen und mit der Umsetzung starten.

Besonders interessant waren auch die Verweise von Kahn auf den Begriff der „Web Governance“, seine Bedeutung für „Change in Organizations“ und die Arbeiten der bekannten Vertreterin Lisa Welchman (@lwelchman auf Twitter) zum Thema. Auf A List A Part hat Kahn übrigens toll über das Thema gebloggt.

THEMA 3: STORYTELLING, MESSAGING UND SOCIAL MEDIA

Wie Marken im Web – und insbesondere in Social Media – am besten kommunizieren, wurde auf der Konferenz mehrfach behandelt. Die Antwort lässt sich folgendermaßen zusammenfassen: Klare Botschaften und Storytelling sind das A und O, wenn es um nutzerzentrierte Inhalte geht.

Susanne Lämmer: Social Content Strategy

Susanne Lämmer (@slaemmer auf Twitter) von der Berliner Agentur TLGG konzentrierte sich in ihrer Präsentation auf Social Webcontent, der als fortgesetzter Dialog mit den Nutzern stattfindet. Hieraus ergeben sich neue Anforderungen: Die Inhalte müssen mit höherer Frequenz gepflegt werden und Marken müssen sich sozial verhalten.

„Menschen machen Marken im Social Web zu Freunden. Dabei werden sie zu Medien, die Social Content produzieren und teilen. Social Content erzählt Geschichten über seine Absender, er enthält wertvolle Informationen über die Nutzer.“

Social Content Strategy müsse laut Lämmer vorausdenken und planen, Redaktion, Community Management und Infrastruktur aufeinander abstimmen und zielorientiert arbeiten. Sie sei Teil der prozesshaften, zyklischen Markenstrategie.

Margot Bloomstein: Message before brand

Auch die sympathische und witzige Margot Bloomstein (@mbloomstein auf Twitter) sieht Content-Strategie als Prozess und betonte die Notwendigkeit von konsistenten und relevanten Inhalten. Diese könnten nur erreicht werden, wenn es eine „overall message hierarchy“ gäbe. Bevor verschiedene Instrumente implementiert würden, gehe es darum zu fragen, WAS die Marke kommunizieren wolle und welche Probleme es aktuell gäbe. Erst in einem weiteren Schritt würde definiert, WIE das geschehen solle.

Wer sind wir und was wollen wir?

Mittels der Hierarchisierung von Kommunikationszielen könne inhaltliche Konsistenz über alle Kanäle erreicht werden. Dadurch würde auch der passende Kontext geschaffen. Bloomstein ist eine mitreißende Rednerin, ihre Inhalte hat sie – ganz im Sinne von Content-Strategie – verständlich, brauchbar und unterhaltsam präsentiert.

Neuer Ansatz: Informationslayer

Stephanie Ruf und Markus Groiss haben in ihrem Vortrag „Content Strategy für große Brands“ eine neue Methode ihrer Agentur Namics AG vorgestellt: die Arbeit mit Informationslayern.

Zunächst wird die Markenstory entwickelt und die multiplen Kanäle werden mit den passenden Inhalten bespielt. Anschließend wird der Content geschärft und mit Informationslayern bearbeitet. Das Konzept funktioniert in drei Schritten:

  • Jede spezifische Information muss auf einer davor liegenden Information aufbauen.
  • Jede Stufe wird restriker in Bezug auf Content, den diese Stufe im Vergleich zur Vorstufe zulässt.
  • Ergebnis ist eine konsistente Informationssemantik.

Ruf und Groiss gehen davon aus, dass ihr Konzept dazu führt, dass die entwickelten Inhalte entsprechend weiterempfohlen und gespreaded werden. Interessant ist hier vor allem die Tatsache, dass eine Agentur sich ihre eigenständige Methodik zurechtlegt und damit aktiv in Content-Strategie investiert – super!

Best Practice: Freitag

Sabine Ledermann von der Namics AG präsentierte die „Freitag“-Taschen als Best Practice. Hinter allen Inhalten der Kult-Marke steht dieselbe Story: Die Geschichte der Brüder Freitag und die Produktion der Taschen aus Lastwagenplanen. Die Vorteile der einzelnen Modelle werden nicht aufgezählt, sondern z.B. in unterhaltsamer Videoform geschildert – dem User wird der Kontext in Form einer Hintergrundgeschichte vermittelt.

Das integrierte Kommunikationskonzept bezieht auch Social Media mit ein. Gearbeitet wird mit einem flexiblen CMS und Content Containern, die es möglich machen, die Inhalte plattformgerecht aufzubereiten. Obwohl die Präsentation von Ledermann rhetorisch zu wünschen übrig ließ, ist Freitag zu recht ein Best Practice für gelungenes Storytelling und konsistente Markenkommunikation. Angemerkt sei jedoch: Eine Marke, die schon zum Kult wurde, BEVOR sie Social Media nutzte, hat natürlich einen klaren Startvorteil.

Best Practice: Nissan New Star of India

Hertje Brodersen (@hypercatalecta auf Twitter) von AKQA stellte folgende Frage: Wie können sich Marken im Social Web bewegen und dabei auf die Nutzer achten? Besonders beeindruckend waren die beiden vorgestellten Best Practices. Mein Favorite: Nissan New Star of India, wo über das Thema Bollywood das neue Automodell promotet wurde. Die User wurden vor allem über Facebook miteinbezogen, konnten dort ihre Tanz-Clips hochladen und schlussendlich durften die besten im Film partizipieren. Toll gemacht! Hier der Trailer:

An dieser Stelle soll das von Brodersen ausgesucht Zitat von Douglas Rushkoff für sich stehen:

„What businesses don’t realize is that it is too late for a business to get social. Every business already is social.“

FAZIT

Super war’s! Sympathische Menschen, interessante Unterhaltungen und Vorträge, die größtenteils durch hohe Qualität und innovative Themen glänzten. Ein großes Dankeschön an die Freunde der Informationsarchitektur für das Entgegenkommen im Vorhinein und die reibungslose Organisation. Hoffentlich bald wieder…

Content und Strategie – Wir holen die Taube vom Dach.

Unternehmen haben die Sinnhaftigkeit von Webkommunikation bereits größtenteils erkannt. Dennoch stolpern sie über zwei grundlegende und essentielle Anforderungen, ohne die Erfolg im Web nicht möglich ist: eine konkrete Strategie und guten Content.

Wie Unternehmen im Web richtig und sinnvoll kommunizieren, ist nicht einfach zu erklären. Es ist schwierig, über die Beschreibung von Best-Practice-Beispielen und Worst-Case-Szenarien hinauszukommen und nicht immer sind diese Beschreibungen für die konkreten Problemstellungen von Unternehmen hilfreich. Vor allem dann nicht, wenn sie wie unsere steirischen Referenzunternehmen im Web Literacy Lab aus sehr unterschiedlichen Branchen kommen und meist sehr spezifische Geschäftsgegenstände und daher auch Zielgruppen haben – sozusagen „Einzelfälle“ sind. Auch auf wissenschaftlicher, theoretischer und methodologischer Ebene gibt es bisher noch kaum etwas Konkretes zum Thema Unternehmenskommunikation im Web.

Wie also vorgehen? Ein Fahrplan mit einzelnen Haltestellen bis zur Endstation „Erfolg im Web“ wäre wünschenswert. Unter dem Motto: „Geh die Schritte eins bis 20, dann werden Dich die Menschen im Web lieben!“. Oder eine Liste von Kompetenzen (der „Web Literacy“), die für webbasierte Kommunikation Erfolg garantieren. Besonders Menschen, die bisher noch keine oder nur geringe Erfahrungen im Web und mit dem Web haben, straucheln. Sie fühlen sich durch die vielen verschiedenen Tools, mangelnde (finanzielle, personelle und zeitliche) Ressourcen im Unternehmen, fehlendes technisches Verständnis und fehlendes Know-how über geeignete Inhalte verunsichert. Erschwerend kommen oft negative Erfahrungen mit geringer Partizipation der User in Social Media hinzu.

Content Strategie ist die Taube auf dem Dach
Aufgrund dessen werden  von Unternehmen häufig Einzelmaßnahmen gesetzt, die zwar grundsätzlich sehr engagiert sind, jedoch nicht den gewünschten Erfolg (z.B. Reputationssteigerung, Kundenbindung, Interaktion mit der Zielgruppe etc.) bringen. Der Spatz sitzt zwar schon in der Hand, wenn Unternehmen sich dazu durchringen, beispielsweise eine Facebook-Page zu implementieren oder Kommentierungen auf ihrer Website zuzulassen. Die Taube vergnügt sich aber weiterhin auf dem Dach, wenn keine klar festgelegten Konzepte dieser Kommunikation zugrunde liegen.

Quelle: heliumcontentsource.files.wordpress.com

Quelle: heliumcontentsource.files.wordpress.com

Der US-amerikanische Ansatz der Content Strategie, mit welchem wir uns im Web Literacy Lab zunehmend beschäftigen (dazu auch Blogposts von Heinz Wittenbrink hier), geht davon aus, dass Unternehmen trotz intensiver Bemühungen im Web nicht erfolgreich sind, wenn zwei zentrale Problemfelder nicht berücksichtigt werden: Strategie und Content.

1. Eine integrierte Strategie ist Vorraussetzung für einen konsistenten und gelungenen Webauftritt. Dabei muss die Strategie einerseits auf die Anforderungen des Unternehmens (Business Goals, Project Objectives) eingehen und andererseits die Erwartungen, Wünsche und Bedürfnisse der User (im Sinne des User-Centered Design) berücksichtigen. Heute fehlt es vielen Unternehmen noch an so einer Strategie, die präzise Botschaften, konkrete Ziele und Rahmenbedingungen für die Webkommunikation enthält, dem Unternehmen ein bestimmtes Image und Lebensgefühl zuschreibt sowie ein klares Bekenntnis zur Bedeutung der Webkommunikation für das Unternehmen darstellt.

2. Content, also alle Formen von Inhalten im Web (Text, Audio, Video, Bilder etc.), wird häufig als Nebensächlichkeit betrachtet. Dabei ist es professioneller, brauchbarer, konziser und Nutzen stiftender Content, der die User dazu bringt, sich mit einem Unternehmen auseinanderzusetzen, mit ihm in Interaktion zu treten und es weiterzuempfehlen. Die Inhalte müssen die Ansprüche der User an Aktualität, Lesbarkeit, Strukturiertheit und Auffindbarkeit erfüllen – ansonsten sind sie frustriert und können keinen Nutzen aus dem Webauftritt ziehen. Außerdem muss der vorhandene Content bezogen auf seine Erstellung, Pflege, Verwaltung und Archivierung mit der klar definierten Strategie konform gehen und diese umsetzen.

Der erste Schritt von Unternehmen im Sinne einer Content Strategie muss folglich sein, sich der Notwendigkeit dieser Strategie sowie brauchbaren Contents bewusst zu werden, bevor an die Umsetzung von Einzelmaßnahmen im Web gedacht wird. Awareness ist das Zauberwort. Awareness dafür, dass professionelle Webkommunikation sinnvoll ist, dass sie Geld kostet und aufwendig ist und dass es detaillierter strategischer Überlegungen bedarf, um brauchbaren, sinnvollen und User-zentrierten Content zu erstellen. Awareness schließt aber auch das Wissen des Unternehmens darüber ein, dass professionelle Webkommunikation, welche auf einer Strategie und sinnvollem Content beruht, beiden Seiten etwas nutzt: den Usern UND dem Unternehmen. Nicht lieber den Spatz in der Hand, wir holen die Taube vom Dach!